Zum 3. Mal zeichneten der Verein Gesundheitsstadt Berlin e.V. und die Ecclesia Gruppe bundesweit Projekte von Gesundheitseinrichtungen mit dem HRO Award aus. Die Abkürzung steht für „High Realibility Organization“. Gemeint sind Organisationen, die nachweislich durch ein Höchstmaß an Zuverlässigkeit in Diagnostik, Therapie und Pflege in Routineprozessen charakterisiert sind. Genau diese Hochzuverlässigkeit wurde jetzt mit dem HRO-Preis dem Kinderpalliativzentrum Datteln attestiert. In Berlin durften Kolleginnen aus dem Kinderpalliativteam am 13. November auf dem Neuen Qualitätskongress Gesundheit (NQG) die Auszeichnung von Thüringens Gesundheitsministerin Katharina Schenk persönlich entgegennehmen.
Bei uns werden seit der Eröffnung im Jahr 2010 sämtliche Versorgungsabläufe sicher und nachvollziehbar aufgearbeitet und in einem digitalen Palliativhandbuch beschrieben. Das Ziel: Jedes Kind erhält nicht nur die beste Behandlung, sondern auch die sicherste. “Wir setzen täglich alles daran, unsere Patient:innen und ihre Familien mit unserem multiprofessionellen Team aus Ärzt:innen, Pflegenden und Therapeut:innen nicht nur bestmöglich zu versorgen, sondern diese Versorgung auch so sicher wie möglich zu gestalten“, erklärt Professor Boris Zernikow, Leiter des Kinderpalliativzentrums. „Dabei spielt die Digitalisierung eine äußerst positive Rolle“, fährt er fort. “Von jedem Ort unseres Zentrums können alle Mitarbeitenden auf alle notwendigen Informationen zugreifen und nach den vorher festgelegten Regeln handeln, auch in Krisen- und Notfallsituationen, in denen man nicht viel Zeit zum Nachdenken hat.“
Das Kinderpalliativzentrum erstellte in Zusammenarbeit mit Andrea Höltervennhoff aus dem Referat Qualitäts- und Risikomanagement der Vestischen Kinder- und Jugendklinik – Universität Witten/Herdecke das digitale Prozesshandbuch der pädiatrischen Palliativstation Lichtblicke. „Das digitale Palliativhandbuch ist ein zentrales Instrument, das Sicherheit schafft – für die Versorgung schwerstkranker Kinder, ihre Familien und das gesamte Team. In einer so sensiblen und anspruchsvollen Versorgungssituation bietet es Orientierung, Verlässlichkeit und unterstützt ein hohes Maß an Qualität in jeder einzelnen Handlung“, so Andrea Höltervennhoff. „Es enthält eine umfassende Risikoanalyse, in der potenzielle Fehlerquellen sowie die dazugehörigen präventiven Maßnahmen und sofort durchzuführenden Handlungsschritte aufgeführt sind, die helfen, kritische Situationen frühzeitig zu erkennen und sicher zu bewältigen.“
Hinter der sperrigen Bezeichnung des digitalen Palliativhandbuchs verbirgt sich weit mehr als Technik, wie Dörte Garske, Pflegerische Bereichsleitung, anlässlich der Preisverleihung auf dem Neuen Qualitätskongress Gesundheit in Berlin, betont: „Digitalisierung, Standardisierung und Menschlichkeit sind keine Gegensätze.“ Denn: Im Kinderpalliativzentrum werden Therapieentscheidungen interdisziplinär und interprofessionell, familien- und patient:innenzentriert getroffen, wie Garske den Prozess beschreibt: „Wir treffen Entscheidungen klug und mit Augenmaß, führen sie sicher durch und kommunizieren und koordinieren sie professionell.“ Und diese Haltung gilt bis zuletzt, führt Garske fort: „Wir vermeiden leidfördernde Übertherapien und lassen das Sterben zu, wenn das Leben zu Ende geht.“ Dies gelingt nur in einer menschlichen Atmosphäre, auch für die Mitarbeitenden. „Innerhalb unseres Teams leben wir eine offene und transparente „Speak-Up-Kultur“. Auch sensible Themen kommunizieren wir offen und ohne Angst vor negativen Konsequenzen“, beschreibt Sadia Baloch den Umgang miteinander. Baloch arbeitet als Ärztin auf der Kinderpalliativstation und ist in Berlin mit dabei. „Nur in einer guten, menschlichen und wertschätzenden Arbeitsatmosphäre kann eine gute Fehlerkultur wachsen, die dann zu einer hochzuverlässigen Versorgung der kleinen Patient:innen führt – auch und gerade in Grenzsituationen wie auf einer Palliativstation.“, ergänzt Pflegewissenschaftlerin Dr. Pia Schmidt aus dem Forscher:innenteam am Kinderpalliativzentrum.
Der zuerkannte HRO Award hat Bedeutung. Denn dahinter steht u.a. der Globale Aktionsplan für Patientensicherheit. Mit ihm verfolgt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Vision „eine Welt zu gestalten, in der niemandem im Rahmen der Gesundheitsversorgung Schaden zugefügt wird und jede Patientin/jeder Patient jederzeit und überall eine sichere und respektvolle Versorgung erhält“. Hierfür sind „High Reliability Organizations“ (Abkürzung: HRO) besonders wichtig. Solche Hochzuverlässigkeits-Abteilungen zeichnen sich dadurch aus, dass die Fehler- und Komplikationsrate niedrig ist, auch wenn sie in einem besonders anspruchsvollen Bereich der Medizin wie der Kinderpalliativversorgung tätig sind.
Die Zuerkennung des diesjährigen HRO Awards bedeutet für das Kinderpalliativteam um Professor Zernikow vor allem eines: nicht darin nachzulassen, den seit 15 Jahren eingeschlagenen Weg weiter fortzusetzen – damit lebensbedrohlich erkrankten Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Datteln bestmöglich, sicher und zuverlässig geholfen werden kann.